Ein stechender Schmerz unter den Rippen kann einen lockeren Lauf innerhalb weniger Sekunden ausbremsen. Ich erkläre, was hinter Seitenstechen beim Joggen steckt, welche Fehler es begünstigen und was du während des Laufens konkret tun kannst. Außerdem zeige ich, wann die Beschwerden noch typisch sind und wann sie ärztlich abgeklärt werden sollten.
Die wichtigsten Hebel gegen den Stich
- Tempo reduzieren: Bei den ersten Anzeichen in einen ruhigen Lauf oder kurzen Gehschritt wechseln.
- Atmung beruhigen: Tief und kontrolliert ausatmen, statt hektisch in die Brust zu atmen.
- Essenspause einplanen: Große Mahlzeiten möglichst 2 bis 3 Stunden vor dem Lauf beenden.
- Belastung dosieren: Zu schnelles Anlaufen und abrupte Tempowechsel gehören zu den häufigsten Auslösern.
- Warnzeichen beachten: Anhaltender Schmerz, Fieber, Atemnot oder Übelkeit passen nicht zum gewöhnlichen Seitenstechen.
Was hinter dem stechenden Schmerz steckt
Seitenstechen wird in der Sportmedizin häufig als ETAP bezeichnet. Die Abkürzung steht für „Exercise-Related Transient Abdominal Pain“, also einen vorübergehenden, belastungsabhängigen Bauchschmerz. Typisch ist ein stechendes oder krampfartiges Gefühl direkt unter dem Rippenbogen, meistens auf der rechten Seite, manchmal aber auch links oder beidseitig.
Die genaue Ursache ist wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt. Diskutiert werden unter anderem eine Reizung des Bauchfells, Zug an den Haltestrukturen von Magen und Leber sowie eine ungünstige Belastung des Zwerchfells. Die oft gehörte Erklärung, Seitenstechen entstehe einfach durch „zu wenig Sauerstoff“, ist mir deshalb zu pauschal. Es gibt wahrscheinlich nicht den einen Auslöser, sondern mehrere Faktoren, die zusammenkommen.
Das Phänomen ist weit verbreitet. In Untersuchungen zu Laufveranstaltungen berichtete ungefähr jede fünfte bis vierte Person von solchen Beschwerden. Gerade Laufanfänger sind häufig betroffen, aber auch erfahrene Läuferinnen und Läufer kennen den plötzlichen Stich, besonders bei hohem Tempo oder ungewohnten Belastungen.
Warum es beim Laufen besonders leicht passiert
Beim Joggen wirken mehrere Belastungen gleichzeitig. Der Rumpf wird bei jedem Schritt leicht bewegt, die Atmung beschleunigt sich und der Körper muss den inneren Druck im Bauchraum stabilisieren. Wenn du direkt nach einer üppigen Mahlzeit losläufst, kommt zusätzlich ein gefüllter Magen hinzu, der durch die Laufbewegung stärker beansprucht wird.
Auch das Tempo spielt eine große Rolle. Wer zu schnell startet, bergauf deutlich beschleunigt oder nach einer längeren Pause sofort wieder an frühere Leistungen anknüpfen will, bringt Atmung und Rumpfspannung leicht aus dem Rhythmus. Ich sehe gerade das schnelle Anlaufen als unterschätzten Fehler: Die ersten fünf Minuten fühlen sich leicht an, doch der Körper bezahlt den Ehrgeiz kurz danach mit einem stechenden Signal.
| Auslöser | Warum er problematisch sein kann | Praktische Anpassung |
|---|---|---|
| Große Mahlzeit kurz vor dem Lauf | Der Magen ist noch stark gefüllt und wird durch die Bewegung gereizt. | Etwa 2 bis 3 Stunden Abstand einplanen. |
| Zu hohes Anfangstempo | Die Atmung wird hektisch und die Rumpfbelastung steigt abrupt. | Die ersten 10 Minuten bewusst langsamer laufen. |
| Unregelmäßige Atmung | Der Atemrhythmus passt nicht mehr zum Laufschritt. | Schrittweise tief ausatmen und das Tempo reduzieren. |
| Ungewohnte Belastung | Steigungen, Sprints oder lange Läufe fordern die Körpermitte stärker. | Neue Reize langsam und einzeln einbauen. |
Getränke können ebenfalls eine Rolle spielen, vor allem wenn du unmittelbar vor dem Lauf große Mengen oder sehr konzentrierte Sportgetränke trinkst. Das bedeutet nicht, dass Trinken grundsätzlich Seitenstechen verursacht. Kleine Schlucke nach Bedarf sind meist sinnvoller als ein großer Becher direkt vor dem Start.

Was im akuten Moment wirklich hilft
Der wichtigste Schritt ist unspektakulär, aber wirksam: Tempo sofort herausnehmen. Wechsle in einen langsamen Trab oder für ein bis zwei Minuten in zügiges Gehen. Wer den Schmerz ignoriert und weiter beschleunigt, verlängert die Episode häufig nur.
Beruhige anschließend deine Atmung. Atme langsam und möglichst tief ein und verlängere die Ausatmung bewusst. Viele empfinden es als hilfreich, beim Ausatmen den Fußauftritt der gegenüberliegenden Seite zu wählen. Eine starre Atemformel gibt es jedoch nicht, deshalb würde ich keinen Rhythmus erzwingen, wenn er sich verkrampft anfühlt.
Zusätzlich kannst du mit der Hand sanften Druck auf die schmerzende Stelle ausüben. Richte den Oberkörper auf, entspanne die Schultern und probiere eine seitliche Dehnung, indem du den Arm auf der betroffenen Seite nach oben führst und den Oberkörper leicht zur Gegenseite neigst. Dehnung und Druck sind Sofortmaßnahmen, keine Garantie. Entscheidend bleibt, die Belastung vorübergehend zu senken.
- Tempo reduzieren oder kurz gehen.
- Schultern lösen und den Oberkörper aufrichten.
- Langsam einatmen und länger ausatmen.
- Die schmerzende Stelle sanft drücken.
- Erst wieder schneller laufen, wenn der Schmerz deutlich nachgelassen hat.
Verschwindet das Stechen nach wenigen Minuten, kannst du den Lauf locker fortsetzen. Kommt es sofort wieder, ist das Training für diesen Tag wahrscheinlich zu intensiv. Ich halte es für sinnvoller, dann zehn Minuten früher aufzuhören, als aus einer kleinen Warnung eine lange Trainingspause zu machen.
So beugst du Seitenstechen beim nächsten Lauf vor
Eine einzelne Patentlösung gibt es nicht. Am zuverlässigsten ist eine Kombination aus ruhigem Einstieg, passender Ernährung und kontrollierter Belastung. Laufe die ersten Minuten so, dass du noch in ganzen Sätzen sprechen kannst. Dieses einfache Sprechtempo ist für viele Freizeitläufer eine bessere Orientierung als eine starre Geschwindigkeit.
Nach einer großen Mahlzeit solltest du meist zwei bis drei Stunden warten. Ein kleiner, gut verträglicher Snack kann je nach Person auch näher am Lauf funktionieren, etwa eine Banane oder etwas Toast. Entscheidend ist dein eigenes Verdauungsverhalten. Ich würde neue Lebensmittel und größere Mengen niemals direkt vor einem langen Lauf ausprobieren.
Ein kurzes Aufwärmen von 5 bis 10 Minuten hilft, den Übergang von Ruhe zu Belastung sanfter zu gestalten. Beginne mit Gehen oder sehr lockerem Traben und steigere erst danach das Tempo. Ein aufrechter Oberkörper, entspannte Arme und eine stabile, aber nicht verkrampfte Körpermitte unterstützen außerdem eine gleichmäßigere Atmung.
Wenn die Beschwerden regelmäßig auftreten, notiere für zwei bis drei Wochen die wichtigsten Details. Schreib auf, wann du gegessen und getrunken hast, wie schnell du gestartet bist, ob Steigungen dabei waren und auf welcher Seite der Schmerz auftrat. Dieses einfache Laufprotokoll zeigt oft schneller als allgemeine Tipps, welcher Auslöser bei dir tatsächlich zählt.
Wann der Schmerz ärztlich abgeklärt werden sollte
Typisches Seitenstechen tritt während der Belastung auf und wird nach einer Pause oder deutlicher Entlastung rasch schwächer. Ein Schmerz, der unabhängig vom Laufen bleibt, immer stärker wird oder regelmäßig schon beim Gehen auftritt, passt weniger gut zu diesem Muster.
Hole dir medizinischen Rat, wenn die Beschwerden wiederholt auftreten oder von Fieber, Erbrechen, ausgeprägter Übelkeit, Blut im Stuhl, Atemnot, Schwindel oder Brustschmerzen begleitet werden. Auch ein harter Bauch, ein plötzlich extrem starker Schmerz oder Schmerzen, die in Rücken oder Leiste ausstrahlen, sollten nicht einfach als Seitenstechen abgetan werden.
Bei akuten starken Beschwerden mit Atemnot, Kreislaufproblemen oder Brustschmerz gilt in Deutschland der Notruf 112. Bei dringenden, aber nicht lebensbedrohlichen Problemen kann außerhalb der Sprechzeiten der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 weiterhelfen. Im Zweifel ist eine vorsichtige Abklärung die bessere Entscheidung als ein weiterer Testlauf.
Ein kleiner Trainingsplan gegen den nächsten Stich
Für den nächsten Lauf würde ich es bewusst einfach halten. Starte nach fünf Minuten Gehen mit mindestens zehn Minuten sehr lockerem Traben. Bleibt die Atmung ruhig, kannst du das Tempo langsam erhöhen, aber nicht direkt in einen Sprint oder an einen steilen Anstieg wechseln.
Beobachte dabei drei Dinge: Abstand zur letzten Mahlzeit, Anfangstempo und Atemrhythmus. Treten die Beschwerden auf, geh sofort einen Schritt zurück und notiere dir später die Situation. So wird aus einem frustrierenden Zwischenfall eine brauchbare Information für deine Trainingssteuerung.
Seitenstechen ist unangenehm, aber meistens vorübergehend und harmlos. Mit einem ruhigeren Start, etwas Abstand zum Essen und einer kontrollierten Reaktion im akuten Moment bekommst du das Problem oft deutlich besser in den Griff.