Beim Ausdauertraining fühlt sich dieselbe Geschwindigkeit nicht jeden Tag gleich an. Schlaf, Hitze, Stress oder ein beginnender Infekt können den Puls und das persönliche Belastungsgefühl deutlich verändern. Die RPE-Skala hilft dabei, die Intensität nach dem eigenen Empfinden einzuschätzen und Trainingseinheiten sinnvoll zu steuern, auch ohne Pulsmesser.
Die wichtigsten Orientierungspunkte für dein Cardio-Training
- 6 bis 20 reicht die klassische Borg-Skala von sehr leicht bis maximal anstrengend.
- RPE 9 bis 13 eignet sich meist für lockere und längere Ausdauereinheiten.
- RPE 15 bis 18 beschreibt harte Belastungen wie Intervalle oder intensive Bergläufe.
- Der Sprechtest ergänzt die subjektive Einschätzung besonders alltagstauglich.
- RPE ersetzt Pulsdaten nicht immer, macht das Training aber flexibler und individueller.

Wie die RPE-Skala beim Ausdauertraining funktioniert
RPE steht für „Rating of Perceived Exertion“, also die subjektiv empfundene Anstrengung. Während des Laufens, Radfahrens, Ruderns oder Schwimmens fragst du dich nicht nur, wie schnell du bist, sondern wie hart sich die Belastung gerade anfühlt.
Die klassische Borg-Skala reicht von 6 bis 20. Die ungewöhnliche Untergrenze hat einen einfachen Hintergrund: Der Wert multipliziert mit zehn sollte ungefähr der Herzfrequenz entsprechen. Bei RPE 12 wären das grob 120 Schläge pro Minute. Diese Beziehung ist jedoch nur eine Orientierung und keine exakte Messformel.
Ich finde den großen Vorteil darin, dass die Skala innere Faktoren berücksichtigt, die eine Sportuhr oft nicht richtig einordnet. Ein Tempo, das sich nach einer erholsamen Nacht locker anfühlt, kann nach wenig Schlaf plötzlich deutlich härter wirken. Genau diese Information ist für die Trainingssteuerung wichtig.
Die klassische Borg-Skala und die einfache CR10-Variante
Im Fitnessbereich werden zwei RPE-Systeme häufig miteinander vermischt. Für das Ausdauertraining ist es deshalb sinnvoll, vor Beginn einer Einheit zu klären, welche Skala du tatsächlich verwendest.
| Skala | Bereich | Typische Nutzung |
|---|---|---|
| Klassische Borg-Skala | 6 bis 20 | Ausdauertraining, Leistungsdiagnostik, Rehabilitation |
| Modifizierte CR10-Skala | 0 bis 10 | Fitness-Apps, kurze Belastungen, einfache Alltagseinschätzung |
Die klassische Variante ist besonders nützlich, wenn du Trainingspläne mit Herzfrequenzbereichen oder sportmedizinischen Empfehlungen vergleichst. Die CR10-Skala ist intuitiver, weil 0 für keine Anstrengung und 10 für maximale Belastung steht.
Ein häufiger Fehler ist, beide Skalen gleich zu behandeln. Ein RPE von 7 bedeutet auf der 0-bis-10-Skala eine sehr harte Belastung, auf der Borg-Skala von 6 bis 20 dagegen nur eine sehr leichte Anstrengung. Die Zahl allein sagt also wenig aus, wenn die verwendete Skala nicht feststeht.
Was die einzelnen RPE-Werte beim Cardio bedeuten
Die folgende Einteilung bezieht sich auf die klassische Borg-Skala von 6 bis 20. Sie ist als praktische Orientierung gedacht, nicht als starre Grenze. Besonders bei Anfängerinnen und Anfängern kann sich dieselbe Zahl zunächst anders anfühlen als bei gut trainierten Ausdauerathleten.
| RPE | Empfinden | Beispiel im Training |
|---|---|---|
| 6 bis 8 | Sehr leicht | Lockeres Gehen, Erholung, Aufwärmen |
| 9 bis 10 | Leicht | Ruhiges Radfahren oder sehr langsames Joggen |
| 11 bis 12 | Recht leicht | Langer Dauerlauf, Grundlagentraining, entspanntes Schwimmen |
| 13 bis 14 | Etwas bis mäßig anstrengend | Zügiger Dauerlauf, längere Anstiege, moderates Tempo |
| 15 bis 16 | Anstrengend | Schwellennahe Abschnitte oder intensive Tempoläufe |
| 17 bis 18 | Sehr anstrengend | Kurze Intervalle, harte Bergsprints, schnelle Wiederholungen |
| 19 bis 20 | Nahezu maximal bis maximal | All-out-Belastung oder letzter Wettkampfabschnitt |
Für die meisten lockeren Cardioeinheiten liegt der sinnvolle Bereich bei RPE 9 bis 13. Du kannst dich dabei noch in ganzen Sätzen unterhalten. Bei RPE 15 oder höher werden die Sätze kürzer, die Atmung deutlich schneller und längere Gespräche kaum noch möglich.
Ich würde Einsteiger nicht dazu ermutigen, regelmäßig bei RPE 17 bis 20 zu trainieren. Hohe Intensitäten können wirksam sein, brauchen aber eine stabile Grundlage, ausreichende Erholung und einen klaren Zweck. Mehr Anstrengung bedeutet nicht automatisch mehr Fortschritt.
So setze ich RPE in einer Trainingseinheit ein
Die Skala wird besonders nützlich, wenn du sie nicht nur nach dem Training, sondern während der Belastung verwendest. Das Empfinden verändert sich oft im Verlauf einer Einheit, etwa durch steigende Körpertemperatur, Ermüdung oder Flüssigkeitsverlust.
Lockere Grundlageneinheit
Starte bei RPE 9 bis 11 und steigere dich höchstens auf 12 oder 13. Das Tempo sollte kontrolliert bleiben. Wenn du dich noch unterhalten kannst, aber nicht mehr problemlos singen möchtest, liegst du meist in einem passenden moderaten Bereich.
Für einen 45-minütigen Lauf könnte das bedeuten, dass du zehn Minuten sehr locker beginnst, anschließend etwa 30 Minuten bei RPE 11 bis 13 bleibst und die letzten fünf Minuten wieder reduzierst. Der Nutzen liegt hier in der konstanten, gut verträglichen Belastung, nicht in einem möglichst schnellen Start.
Tempolauf oder Schwellenabschnitt
Bei einem Tempolauf kann RPE 14 bis 16 passend sein. Die Belastung ist fordernd, bleibt aber über mehrere Minuten kontrollierbar. Du kannst noch einzelne kurze Sätze sprechen, musst dich aber auf Atmung und Bewegung konzentrieren.
Wenn der Wert bereits nach wenigen Minuten auf 17 oder 18 steigt, war das Tempo wahrscheinlich zu hoch oder die Erholung vor der Einheit nicht ausreichend. Ich orientiere mich in solchen Situationen am aktuellen Empfinden und halte nicht stur an einer Geschwindigkeit fest.
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Intervalltraining
Bei kurzen Intervallen darf die Belastung deutlich höher liegen. Je nach Länge der Wiederholung sind RPE 16 bis 18 eine brauchbare Orientierung. Die Pausen sollten lang genug sein, damit die Technik stabil bleibt und die nächste Wiederholung nicht nur noch aus Durchhalten besteht.
Ein Beispiel wäre ein Training mit sechs Wiederholungen von jeweils zwei Minuten bei RPE 16 bis 17 und zwei Minuten lockerem Traben oder Radfahren dazwischen. Der Wert sollte sich auf die Belastungsphase beziehen, nicht auf die gesamte Trainingseinheit inklusive Pausen.
RPE, Puls und Sprechtest sinnvoll kombinieren
RPE und Herzfrequenz messen nicht exakt dasselbe. Der Puls beschreibt eine körperliche Reaktion, während RPE zusätzlich Atmung, Muskelermüdung, Motivation und allgemeine Tagesform einbezieht. Deshalb können beide Werte voneinander abweichen, ohne dass einer davon automatisch falsch ist.
| Situation | Was häufig passiert | Praktische Reaktion |
|---|---|---|
| Hitze oder hohe Luftfeuchtigkeit | Puls und RPE steigen schneller | Tempo reduzieren und nach Empfinden trainieren |
| Starker Stress oder wenig Schlaf | Gleiche Leistung fühlt sich härter an | Einheit lockerer gestalten |
| Kälte oder gute Erholung | RPE kann bei gleichem Tempo niedriger sein | Nicht automatisch zu stark beschleunigen |
| Koffein oder Medikamente | Herzfrequenz und Empfinden können auseinanderlaufen | Mehrere Signale gemeinsam betrachten |
Der Sprechtest ist dabei ein erstaunlich gutes Zusatzwerkzeug. Bei lockerer bis moderater Belastung kannst du in ganzen Sätzen sprechen. Wenn nur noch kurze Wortwechsel möglich sind, bewegst du dich wahrscheinlich im intensiveren Bereich.
Eine Sportuhr liefert nützliche Daten, aber ich würde ihre Anzeige nicht blind über die Körperwahrnehmung stellen. Bei langen Einheiten, Hitze oder wechselndem Gelände ist es oft sinnvoller, Puls, RPE und Sprechfähigkeit gemeinsam zu beurteilen.
Typische Fehler bei der Anwendung
Der häufigste Fehler besteht darin, die Zahlen zu präzise zu interpretieren. RPE 12 ist kein mathematisch exakt definierter physiologischer Zustand. Die Skala funktioniert besser als persönliche Verlaufsmessung: Wie fühlt sich dein heutiger Dauerlauf im Vergleich zu ähnlichen Einheiten an?
- RPE mit einer festen Herzfrequenz gleichsetzen, obwohl Tagesform und äußere Bedingungen schwanken.
- Zu spät einschätzen und erst nach dem Training überlegen, wie hart die Belastung war.
- Jede Einheit zu intensiv beginnen, weil sich die ersten Minuten noch leicht anfühlen.
- Die Skalen vermischen, also Werte von 0 bis 10 und 6 bis 20 ohne klare Kennzeichnung verwenden.
- Schmerz mit Anstrengung verwechseln. Brennende Muskulatur ist etwas anderes als stechender Schmerz, Schwindel oder ungewöhnliche Atemnot.
Ich empfehle, nach jeder Einheit drei kurze Angaben zu notieren: durchschnittliches RPE, Dauer und eine Besonderheit wie Hitze, Schlafmangel oder Muskelkater. Nach einigen Wochen erkennst du, bei welchem Empfinden du deine lockeren Läufe wirklich locker absolvierst und wann eine Pause sinnvoller wäre.
Bei bekannten Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen sollte die Belastungssteuerung mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer qualifizierten Reha-Fachkraft abgestimmt werden. Treten Brustschmerzen, starke Atemnot, Benommenheit oder ein ungewöhnlich unregelmäßiger Herzschlag auf, beendest du die Belastung und lässt die Beschwerden medizinisch abklären.
So wird aus einer Zahl eine bessere Trainingsentscheidung
Die RPE-Skala ist kein Ersatz für jede Leistungsdiagnostik und sagt allein nichts über deine genaue Sauerstoffaufnahme oder Laktatschwelle aus. Für den Alltag ist sie trotzdem eines der praktischsten Werkzeuge, weil sie ohne Technik funktioniert und die tatsächliche Tagesform einbezieht.
Mein einfacher Ansatz lautet: Lockere Einheiten bleiben überwiegend bei RPE 9 bis 13, intensive Abschnitte werden bewusst geplant und sehr hohe Werte sparsam eingesetzt. Wer zusätzlich den Sprechtest und gelegentlich den Puls nutzt, erhält ein robustes Bild der Belastung und trainiert meist konstanter als jemand, der nur auf Tempo oder eine einzelne Zahl schaut.
Am Ende zählt nicht, ob du jede Einheit exakt mit demselben Wert abschließt. Entscheidend ist, dass du erkennst, wann dein Körper heute Belastung verträgt, wann ein ruhiger Lauf sinnvoller ist und wann echte Intensität einen klaren Trainingszweck erfüllt.